Dreimonatsbericht

Anreise:

Hallo liebe zukünftigen Freiwillige,

Ihr seid nun in der Situation in der ich vor einigen Monaten noch war. Entweder ihr entscheidet euch gerade noch für ein Land oder eure Wahl ist bereits auf Ecuador gefallen, vielleicht habt ihr sogar schon euer Projekt. Das alles ist eine aufregende Zeit!

In den ersten Tagen nach meiner Ankunft habe ich mich oft noch recht einsam gefühlt, obwohl ich noch zusammen mit den anderen Freiwilligen auf einem Vorbereitungsseminar in Quito war und mit ihnen sehr viel reden konnte. Aber ich war auch nervös und wollte so schnell wie möglich in mein Projekt und die anderen Mitfreiwilligen (aus den USA) kennenlernen. Die ersten Tage schienen sehr langsam zu verstreichen, doch jetzt frage ich mich, wo die ganze Zeit geblieben ist.  Ich würde euch raten, jede Chance zu nutzen, um zu Reisen und die Vielfalt zu sehen, die Ecuador zu bieten hat.

Freunde und Erwartungen

Ich habe hier sehr schnell Freunde gefunden, allerdings größtenteils andere VASE/ ICJA Freiwillige, mit denen ich viel unternehmen kann. Auch mit meinen Mitbewohnern verstehe ich mich gut und mir gefällt es, dass man im CMT Spanisch und Englisch lernen kann. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es länger dauert Spanisch zu lernen, da viele es zu anstrengend finden auch in ihrer Freizeit Spanisch zu sprechen. Auch hatte ich anfangs das Gefühl nur sehr wenig von der ecuadorianischen Kultur mitzubekommen und eher in den USA zu sein, was nicht das war was ich wollte. Was mir auch aufgefallen ist, dass wir hier mit unterschiedlichen Erwartungen hingekommen sind. Während für meine MitbewohnerInnen aus den USA der Dienst am Nächsten im Vordergrund steht, ist für die anderen VASE Freiwilligen der kulturelle Austausch und auch einheimische Freunde wichtig, da wir Ecuador kennenlernen möchten. Was es aber über das CMT zu sagen gibt ist, dass man hier wirklich gebraucht wird, aber es keine einfache Arbeit ist. An einigen unsere Tage arbeiten wir von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends und danach bereiten wir noch den Unterricht vor, was ziemlich anstrengend sein kann. Im Gegenzug gibt es auch viele Freiheiten, die man woanders nicht hat (wie beispielsweise das Übernachten von Freundinnen).

Aufgaben im Projekt

Anfangs habe ich mir gesagt, dass ich mir das Projekt zunächst anschaue und gucke, ob ich die Arbeit meistere oder nicht. Mein Mitbewohner hat dazu gesagt „Immer wenn man mit Menschen zu tun hat, ist es keine Arbeit, es sind schließlich Menschen“. Ich bewundere ihn für seine Einstellung und seine Kraft, aber ich war meistens total geschafft am Ende des Tages und habe nach einem Gespräch mit meiner Chefin beschlossen, dass es das Beste für mich ist, wenn ich das Projekt wechsele. Dabei hat mir geholfen, dass wir über einen solchen Fall schon im Vorbereitungscamp in Deutschland gesprochen haben und ich habe lange hin und her überlegt, bis ich diese Entscheidung getroffen habe. Das Jahr soll einem zwar neue Seiten aufzeigen, aber ich glaube, man sollte sich die eigenen Stärken und Schwächen bewusst machen und überlegen, was wirklich gut für einen ist. Ich habe für mich gemerkt, dass mir die morgendlichen Nachhilfestunden sehr viel Spaß machen und ich die Eins-bei-Eins-Arbeit mit den Schülern mag. Ich merke, dass ich sensibler mit meiner Wortwahl werde und einschätzen kann, wie ich die Nachhilfeschüler motiviere. Auch lerne ich hier mehr über die Psychologie und die Leiterin dieses Teils des Projektes ist sehr freundlich zu uns, unterstützt uns und fragt regelmäßig nach unserem Wohlergehen. Und jetzt, wo sie weiß, dass wir das Projekt wechseln, hat sie meine Mitfreiwillige und mich trotzdem eingeladen, sie bald in ihrem Haus zu besuchen. Viele Menschen die ich hier kennengelernt habe scheinen sehr gastfreundlich zu sein und die Eltern mit denen ich geredet habe sind sehr gesprächig, reden aber leider sehr schnell, sodass ich sie ab und zu bremsen muss, um sie zu verstehen. Leider habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass einige der Kinder (Ich arbeite mit Straßenkindern) in ihrem Zuhause Gewalt erfahren. In diesen Momenten überkommt mich oft noch ein Ohnmachtsgefühl und ich würde da gerne mehr machen können, um die Kinder aus dieser Situation rauszuholen.

Vormittags gebe ich Nachhilfe, dann habe ich meine Englischklassen, eine kurze Pause und fahre dann hinüber ins andere Center, in dem ich in Kunst und einer vierten Klasse aushelfe und an anderen Tagen ein „Programa de Chicas“ leite, in dem ich mit den Mädchen Sachen bastle, die wir Freiwilligen anschließend verkaufen sollen, damit die Kinder Geld verdienen können. Zusätzlich haben meine Mitfreiwillige und ich Computerstunden, in denen wir Arbeitskollegen und Eltern beibringen, wie man am Computer schreibt, sowie „Biblioteca“. In den „Biblioteca-Stunden“, lesen wir mit den Kindern, was sich aber als eine Herausforderung herausgestellt hat, da die Kinder lieber Bücherregale erklimmen. Allerdings erleichtert sich die Arbeit, sobald man die Namen der Kinder kennt und auch die Hintergründe der Kinder, denn schließlich hat jedes Verhalten einen Grund. Die größten Störenfriede vom Anfang sind nun meine liebsten Kinder, was vielleicht an den vielen Gesprächen liegt, die ich mit ihnen führte.

Schwierigkeiten im Projekt

Schwierigkeiten habe ich damit, meine neunte Klasse unter Kontrolle zu bringen, da das Lernniveau sehr weit auseinander geht, sodass Schüler sich entweder über-oder unterfordert fühlen. Ich muss schauen, wie ich sie alle auf ein gleiches Lernlevel kriege. Ich bin aber recht froh, dass ich meine Klasse für mich alleine habe, da ich anfangs Co-Unterrichtet habe, mit einer anderen Freiwilligen zusammen und wir ganz andere Unterrichtsmethoden hatten. Man kann zwar von der anderen lernen, aber es ist nicht gut, wenn man sich vor den Kindern nicht einig ist, was jetzt genau die Klassenregeln sind.

Für jeden, der überlegt, LehrerIn zu werden ist dieses Projekt eine sehr gute Vorbereitung. Man lernt sich Durchzusetzen, organisiert zu planen, kreativ zu werden und mit verschieden Schülertypen, sowie Lehrern umzugehen. Das Team hier ist nett und die Klassenlehrer meiner Klassen sind zwar selten da während ich unterrichte, doch wenn ich Hilfe brauche, kann ich auf ihre Hilfe zählen.

 

Entwicklung im Projekt

Anfangs habe ich mich mit allem überfordert gefühlt. Kaum ein Schüler hat getan, was ich gesagt habe, ich war schlecht darin, mich auf Spanisch korrekt auszudrücken, ich wusste nicht, wie ich die Aufmerksamkeit der Schüler auf den Unterricht lenken konnte. Wenn die Leiterin der Nachhilfe mir Aufgaben gegeben hat, musste ich mehrmals nachfragen, um zu wissen, was zu tun ist.

Da ich auch im Projekt lebe hat es für mich eine Weile gebraucht die Regeln nachvollziehen zu können und besonders den Satz, dass wir hier nur „zum Dienen und nicht zur Weiterentwicklung unserer selbst“ seien habe ich abgelehnt. Aber mittlerweile ist es klar, dass man sich durch das Projekt auf jeden Fall weiterentwickelt und während ich mich anfangs noch unwohl gefühlt habe, gehe ich nun gerne zu meinen Klassen, auch weil man meist glücklich von den Kindern empfangen wird und ich eine Bindung zu ihnen hergestellt habe. Sie lieben es Neues auszuprobieren, wie beispielsweise meine Kamera, und ich habe bei einem Ausflug auch viele Fotos gemacht. Allerdings finde ich es wichtig vorher zu fragen, ob es in Ordnung für die Kinder ist fotografiert zu werden. Über dieses Thema haben wir auch in einer unserer wöchentlichen Reflektion nights geredet. Diese ist obligatorisch und Teil des Projektes und der Community.

Gründe des Wechsels

Mittlerweile weiß ich, dass es schwieriger wird das Projekt zu verlassen als ich es mir vorgestellt habe, da die Kinder mir wirklich an mein Herz gewachsen sind. Und auch meine Wohngemeinschaft ist super und man muss sich nie einsam fühlen, da jeder auf den anderen Acht gibt, obwohl es natürlich auch hier Leute gibt, die man mehr oder weniger mag. Aber wie schon oben erwähnt fühlte ich mich eher wie in einer amerikanischen Gesellschaft, was auch Kulturaustausch ist, aber anderer als der den ich mir erhofft hatte. Ich habe auch hier die Chance das Leben der Familien kennenzulernen, aber ich werde eben nicht mit ihnen zusammen leben und wirklich Teil von einer Familie hier sein. Auch hatte ich teilweise das Gefühl, dass unsere Madre sehr negativ von Ecuadorianern denkt und uns auch sagt, dass sie Angst hat, wenn wir ecuadorianische Freunde haben, weil so gut wie alle hier böse Absichten hätten.

Auch kam ich mit den vielen Arbeitsstunden sowie den hohen Anforderungen oder eher der großen Verantwortung nicht so gut zurecht, weil ich die neunte Klasse ganz alleine hatte und die anderen Klassen ab Dezember alleine gehabt hätte. Tests, Klassenarbeiten und mündliche Noten müssen wir selbst geben und ich finde es beängstigend, über die Zukunft eines Schülers entscheiden zu müssen und ihn sitzen zu lassen oder doch noch durch einen Gnadenpunkt passieren lassen, aber dafür riskieren, dass er vielleicht viel zu überfordert ist.

 

Ein weiterer für mich sehr wichtiger Punkt ist, dass ich in diesem Jahr herausfinden möchte, was ich in der Zukunft für einen Beruf erlernen möchte und dabei möchte ich nicht nur darin bestätigt werden, was ich nicht machen möchte, sondern etwas Neues ausprobieren möchte und prüfen, ob dies etwas für mich ist. Deshalb werde ich ab nächstem Monat nach Ambato ziehen und in dem Center „Educacion especial Ambato“ arbeiten.

So wie ihr fange ich die Reise jetzt eigentlich noch einmal von vorne an, mit einer neuer Stadt, einer Familie und einem neuem Projekt. Ich bin sehr aufgeregt deswegen, aber ab jetzt gilt: „Ama la vida“.